Katzen töten Millionen Singvögel

Wir lieben beide – unsere Katze und unsere Singvögel – was tun?

Hauskatzen gelten in unserem Land als die beliebtesten Haustiere. Mehr als 20 % der deutschen Haushalte
halten eine oder mehrere Katzen, und so leben etwa 7 - 14 Millionen Katzen in Deutschland. Die Hälfte
davon lebt als Freigänger, die andere Hälfte als Hauskatzen, also als echte Stubentiger. Weitere
2 Millionen Katzen streunen herrenlos umher und müssen ihr Futter selbst jagen. Obwohl die Katze seit
Jahrtausenden domestiziert wurde, hat sie das räuberische Wesen ihrer wilden Stammformen bewahrt. Die
Katze lässt das Mausen nicht, auch wenn sie vom Besitzer gut mit Futter versorgt wird.

Alle Katzenbesitzer sind außerordentlich tierlieb und haben meist auch ein sehr enges Naturverhältnis.
Sie lieben nicht nur ihren Schmusekater, sondern auch die Singvögel im Park, im Wald oder im Garten,
wo sie diese mit Hingabe füttern. Das führt unweigerlich zu Konflikten, wenn der vierbeinige Freigänger
wieder einmal einen verletzten oder gar getöteten Singvogel oder ein anderes wildes Kleintier (Eidechse,
Spitzmaus) vor der Tür „als Geschenk“ ablegt.

Vor kurzem wurden im Wissenschaftsjournal Nature erschreckende Zahlen veröffentlicht,wonach in den USA
jährlich etwa 2 Milliarden Vögel und mehr als 10 Milliarden kleine Säugetiere von Katzen getötet werden.
Noch dramatischere Effekte von Katzen auf die einheimische Vogelwelt sind auf Inseln zu verzeichnen, in
denen es natürlicherweise keine Landraubtiere gibt, etwa in Australien oder Neuseeland. Herumstreunende
oder ausgewilderte Katzen stellen dort eine große Bedrohung für dort verbreitete flugunfähige Vögel oder
Bodenbrüter dar. Auch wenn absolute Zahlen wenig zuverlässig sind, wird für Deutschland geschätzt, dass
100 bis 200 Millionen Singvögel auf das jährliche Beutekonto unserer Lieblinge gehen. In Mitteleuropa
gab es zwar schon immer Raubtiere, die Singvögel gejagt oder ihre Nester geplündert haben - Elstern,
Marder, Iltisse, Füchse und Wildkatzen, aber es stellte sich ein äußerst sensibles
Räuber-Beute-Gleichgewichts ein. Unsere Katzen sind aber nicht mehr auf ihre Beutetiere angewiesen, da
sie vom Menschen gefüttert werden. Sie sind somit nicht mehr Teil des natürlichen
Räuber-Beute-Gleichgewichts. Sie jagen ausschließlich aus angeborenem Jagd- oder Spieltrieb heraus und
fressen in den seltensten Fällen tatsächlich ihre Beute auf. Anders verwilderte Hauskatzen, die eine
sehr große Gefahr für Vögel darstellen, da sie gezwungen sind, ihre Nahrung komplett durch die Jagd auf
Kleintiere zu decken.

In städtischen oder ländlichen Siedlungsbereichen mit Gärten gibt es besonders viele Katzen, aber auch
eine hohe Singvogeldichte. Die Jagd der Beutegreifer auf Kohl- und Blaumeisen, Amseln, Garten- oder
Hausschwanz, Finken und Rotkehlchen führt daher regelmäßig zu Verstimmungen zwischen Katzenhaltern und
Vogelfreunden, oft zum Konflikt für die Katzenhalter selbst. Als sich unsere Familie nach Goldhamstern,
Meerschweinchen, Kaninchen, Kornnattern und Geckos für einen (kastrierten) Kater entschied, war ein
immerwährender Familienkonflikt zwischen „Der arme Kater darf jetzt raus!“ und „Die Singvögel sind
gerade flügge, der Kater bleibt drin!“ vorprogrammiert.

Doch was können Katzenfreunde tun, damit sich die Zahl der getöteten Gartenvögel in Grenzen hält?
Das Glöckchen am Halsband, das für die Katze sicherlich nicht vergnüglich ist, warnt zumindest die
Altvögel, Jungvögel erkennen sein Läuten nicht als Gefahr. Bäume mit Vogelnestern oder Vogelkästen
können durch katzenabweisende Manschettenringe (nicht Stacheldraht!) gesichert werden. Baut man mit
Dornen und Stacheln bewehrte heimische Straucharten, wie Weißdorn und Wildrosen, an, wird die Vogelbrut
vieler Freibrüter auf natürliche Weise geschützt. In jedem Fall muss man den Vögeln zuliebe die
Freilaufzeiten der Katze insbesondere in der Brut- und Jungvogelzeit strikt auf wenige Stunden am Tag
reduzieren. Mindestens von Mai bis Mitte Juli stehen wir als Katzenbesitzer in der Verantwortung dafür
zu sorgen, dass sich unsere Katze generell oder zumindest in den Morgen- und Vormittagsstunden gar
nicht im Freien aufhält, denn dann sind die meisten gerade flüggen Jungvögel unterwegs. Selbst wenn
nicht gejagt wird, stellt die Anwesenheit einer Katze einen gewaltigen Stress für die brütenden
Singvögel dar. Ein erhöhter Energiebedarf oder gar das Verlassen des Nestes sind die Folge.

Doch wie passt ein stark eingeschränkter Freigang unseres Lieblings mit dem Argument der artgerechten
Haltung der Hauskatzen zusammen? Dieses Argument wird interessanterweise nur von Katzenbesitzern
angebracht: kein Pferde-, Rinder-, Hunde- oder Ziervogel-Besitzer wird fordern, sein Haus- oder
Nutztier „artgerecht“ freilaufen zu lassen, in der Herde, im Rudel oder frei herumfliegend. Katzen
können auch sehr gut im Haus bleiben, wenn man sich mit ihnen täglich beschäftigt – und das sollte
man auch als Katzenhalter ohnehin regelmäßig tun.

Weitere Maßnahmen zum Schutz einheimischer Vögel bestehen darin, Nistkästen im Garten so aufzuhängen,
dass Katzen keinen Zugang haben, z.B. an Fassaden oder an freihängenden Seitenästen und mindestens
zwei Meter über dem Boden. Auch Futterhäuschen und Vogeltränken müssen mindestens zwei Meter vom
nächsten Gebüsch entfernt aufgestellt werden, damit sich Katzen nicht unbemerkt anschleichen können.
Eine interessante Variante ist, dass man ausgebürstete Katzenhaare zur jetzigen Zeit im Garten
verstreuen kann. Nestbauende Singvögel werden dieses sofort als Nistmaterial annehmen.

Um die Anzahl verwilderter Hauskatzen zu verringern, wird generell dafür plädiert, alle
freigehenden Katzen zu kastrieren oder zu sterilisieren und mit einem Halsband zu kennzeichnen.
Die damit verbundenen Kosten, die der Katzenbesitzer trägt, sind ein effektiver Beitrag, um die Anzahl
der für die Vogelwelt besonders gefährlichen verwilderten Katzen zu reduzieren. Kastrierte Katzen
haben zudem einen reduzierten Jagdinstinkt. Ein solches Modell wird in einigen Städten konsequent mit
Erfolg praktiziert. Auch wird immer wieder eine Katzensteuer diskutiert, die aus meiner Sicht wenig
hilfreich ist, denn sie wird mit aller Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass Katzen vermehrt ausgesetzt
werden und verwildern, wenn der Besitzer sich die Steuer nicht mehr leisten kann oder will.

Liebe Katzen- und Vogelfreunde, wir müssen uns bewusst sein, dass Hauskatzen menschengemacht sind und
das natürliche Räuber-Beute-Verhältnis empfindlich zu Ungunsten unserer Singvögel stören.

 

Quelle:
Prof. Dr. Inga D. Neumann
Chair of Neurobiology & Animal Physiology
Dean of Faculty of Biology and Preclinical Medicine
University of Regensburg
93040 Regensburg
Germany

 

Weiterführende Links: Singvogelschutz | Katzen als Freigänger